So hat sich der Winterreifen verändert – Vergleich des ersten Winterreifens der Welt mit dem Haftreifen der neuen Technologie

Vor rund 80 Jahren erhielten Autofahrer die ersten Winterreifen der Welt. Der von Nokian Tyres entwickelte und gefertigte so genannte Kelirengas war ein Spitzenprodukt seiner Zeit – zum ersten Mal gab es einen Reifen mit einem groben Profil, mit dessen Hilfe man eine verschneite Straße auch bergauf fahren konnte. Wie besteht dieses einzigartige Produkt seiner Zeit im Vergleich zu einem modernen spikelosen Winterreifen? Verglichen werden der Kelirengas und der Testsieger Nokian Hakkapeliitta R2.

Der von dem finnischen Unternehmen Suomen Gummitehdas 1934 vorgestellte erste Winterreifen der Welt brachte revolutionäre Veränderungen auf den winterlichen nordischen Straßen mit sich. Bis dahin war man auf den engen und verschneiten Wegen mit Reifen gefahren, die eher an Sommerreifen erinnerten. Wenn man dann vor einer bergauf führenden, von Schnee bedeckten Straße stand, musste der Fahrer aus dem Auto steigen und umständlich Schneeketten anlegen. Der Kelirengas („Wetterreifen“) genannte Winterreifen hatte zum ersten Mal ein grobes Profil, das auf den winterlichen Straßen eine ganz neuartige Haftung ermöglichte.

Der Kelirengas wurde für LKWs entwickelt, damit sie bei starkem Schnee besser vorwärts kamen. Das Querprofil des Reifens biss sich ähnlich wie eine Raupenkette in den Schnee, so dass der Wagen leichter den Berg hoch kam, berichtet Matti Morri, der Leiter des technischen Kundendienstes von Nokian Tyres.

Heute reicht bei einem Reifen die einfache Fähigkeit des Vorwärtskommens bei Schnee nicht mehr aus. Als man begann, die Straßen von Schnee zu räumen, wurden die Straßen stattdessen eher vereist, und auch an Winterreifen wurden immer höhere Ansprüche gestellt. Wenn man den Kelirengas mit seinem Nachkommen, dem Nokian Hakkapeliitta R2, vergleicht, sind allein die Unterschiede in der Gummimischung und im Profil ganz erheblich.

– Neben der Zughaftung muss ein Reifen heutzutage auch über einen guten seitlichen Griff verfügen. Das symmetrische, pfeilförmige Profil des Nokian Hakkapeliitta R2 reinigt sich selbst in tiefem Schnee und haftet auch auf Eis und Schneematsch gut, erklärt Morri.

 

Die Anzahl der Rohstoffe hat sich vervielfacht

Zwar war der Kelirengas ein einzigartiges Produkt seiner Zeit, aber er kann auch nach modernen Standards aufgrund seines Profils Winterreifen genannt werden. Bei dem Kelirengas wurde dieselbe sehr steife Gummimischung verwandt wie auch bei Sommerreifen, so dass die Haftung nur auf die Profilrillen zurückzuführen war. Heute tragen auch die maßgeschneiderten Gummimischungen der Verschleißfläche in hohem Maße zu den Griffeigenschaften bei. Während bei der Herstellung eines modernen Haftwinterreifens mehr als hundert verschiedene Rohstoffe verwendet werden, wurde für den Kelirengas nur ein Drittel davon benutzt. 

– Der Gummimischung des Hakkapeliitta R2 wurden winzige Kristalle hinzugefügt. Sie funktionieren wie eingebaute Spikes auf eisiger Straße, berichtet Morri über die Entwicklung.

Heute wird bei Winterhaftreifen sowohl Naturgummi als auch synthetisches Gummi verwendet. Naturgummi verhält sich in einem breiten Temperaturbereich stabil, so dass die Verschleißflächenmischung elastisch und griffig bleibt. Der Rußanteil im Reifen wurde durch Silica ersetzt, wodurch die Kraftstoffeffizienz und der Nassgriff deutlich verbessert werden. 

Hundert Millimeter mehr Breite

Autofahrer von Heute wissen bei Winterreifen Dinge zu schätzen, von denen ein Kelirengas-Fahrer nicht mal zu träumen gewagt hätte, wie zum Beispiel den Fahrkomfort. Das zeigt sich auch an der Größe des Reifens. Der für LKWs gedachte Kelirengas war nur 190 mm breit, während es den modernen Haftreifen Nokian Hakkapeliitta R2 für PKWs bis zu einer Breite von fast 290 mm gibt. 

– Die Breite erhöht den Fahrkomfort erheblich. Auch die Tatsache, dass man von der Kreuzgewebekonstruktion des Kelirengas zur Gürtelkonstruktion übergegangen ist, bedeutet einen Riesenschritt nach vorne beim Fahrkomfort des Reifens.

Die Autos stellen heute ebenfalls ganz andere Anforderungen an die Reifen als früher.

Bei der Entwicklung eines Reifens muss u.a. berücksichtigt werden, dass die Reifen mit hochmodernen Antriebsschlupf- und Fahrdynamikregelungen funktionieren müssen. 

Wir fahren heute auf den Straßen wesentlich sicherer als zu Zeiten des Kelirengas. Während der Kelirengas-Fahrer den Zustand der Straße und die Glätte nur mithilfe des Fahrgefühls und seiner Sehkraft erahnen musste, werden für Autos der neuen Generation Geräte entwickelt, die Daten über glatte Straßenabschnitte und über sonstige für das Fahren wichtige Informationen im Voraus empfangen.

– Das Einzige, was sich seit den Zeiten des Kelirengas nicht verändert hat, ist das Wetter. Mit Winterreifen fährt man immer noch in den schwierigen und wechselnden Wetterverhältnissen des Nordens, meint Morri.